Wie die WKO Einzelunternehmen fördert

Wie die WKO Einzelunternehmen fördert

60,4 Prozent aller Unternehmen in Österreich waren laut Wirtschaftskammer Österreich (WKO) im Jahr 2016 Ein-Personen-Unternehmen (EPU) ohne unselbstständig Beschäftigte (Quelle: Ein-Personen-Unternehmen (EPU) 2016). Dieser verhältnismäßig hohe Anteil zeigt die Wichtigkeit der Kleinunternehmer in Österreich als Wirtschaftsfaktor. Die Einzelunternehmen verteilen sich hierbei auf die verschiedensten Sparten. Mit einem Anteil von teils über 50 Prozent bilden die EPUs den Hauptbestandteil mancher Sparten (Quelle: Fact Sheet EPU 2017) wie z.B.:

  • Gewerbe und Handwerk 67,7 %
  • Information und Consulting 60,6 %
  • Handel 49,7 %

Anhand der kurzen Auszüge der WKO Statistik von 2016 wird sichtbar, warum die WKO daran interessiert sein sollte, die Ein-Personen-Unternehmen in Österreich zu unterstützen und zu fördern. Doch tut sie dies auch?

Zentraler Ansprechpartner und Serviceorientierung

Meine Lebenspartnerin und ich waren in der Vergangenheit schon in Deutschland selbstständig. Bzgl. der damaligen Firmengründung stießen wir jedoch weder auf eine Organisation die uns unterstützte, noch einen kompetenten Ansprechpartner, der die Unternehmen voranbringen wollte. Bereits bei der Gewerbeanmeldung in einer deutschen Gemeinde waren die dortigen Mitarbeiter überfordert, was die angebotenen Dienstleistungen und das Verkaufen digitaler Produkte betraf. Serviceorientierung war leider ein Fremdwort und fast alle Belange zur Selbstständigkeit mussten mühsam nachrecherchiert oder kostenpflichtig mit dem eigenen Steuerberater besprochen werden.

Umso erstaunter waren wir, eine Organisation wie die WKO in Österreich anzutreffen, die auf allen Ebenen daran interessiert ist, die Unternehmen im eigenen Land voranzubringen. Bereits bei Neugründung unserer Einzelunternehmen stand die WKO uns beratend zur Seite, um bzgl. des anzumeldenden Gewerbes zu unterstützen. Umfangreiche Informationen zu einzelnen Gewerben wurden uns ausgehändigt und in kostenfreien Beratungsgesprächen wichtige Details genau erläutert. Insbesondere bei Neugründung ist meist nicht ganz eindeutig, in welches Gewerbe die eigene Dienstleistung einzuordnenen ist und welche Fachgruppe später zuständig sein wird. Die sehr kompetente Beratung hat uns hier geholfen, einen Überblick über die unterschiedlichen Gewerbe mit ihren Voraussetzungen (z.B. Befähigungsnachweise) und Bestimmungen zu erhalten. Während Gewerbe wie das Handelsgewerbe keinen Befähigungsnachweis benötigen und somit grundsätzlich von jedem ausgübt werden können, sind andere Gewerbe wie beispielsweise die “Unternehmensberatung einschließlich Unternehmensorganisation” reglementiert und erfordern gewisse Nachweise des Gründers wie z.B. Zeugnisse und einschlägige Tätigkeiten.

Auch bzgl. steuerlichen Gegebenheiten wurden viele hilfreiche Hinweise u.a. zu Umsatz- und Gewinngrenzen gegeben. Fakten, die sonst meist in Eigenarbeit verteilt über das Internet zusammengetragen oder erst beim Steuerberater angefragt werden müssen, lieferte die WKO bereits vorab und ersparte uns dadurch viel Zeit. Hierbei sei auch auf die Webseite der WKO hingewiesen, die viele umfangreiche Informationen zu steuerlichen Rahmenbedingungen anbietet. Auf der Seite “Steuerinfos für Neugründer” werden visuell aufbereitet viele Fragen online beantwortet, die sich der Unternehmensgründer früher oder später im Hinblick auf Finanzamt oder weitere Geld-relevante Themen stellen muss. Auf Fristen zur Meldung der Firmengründung beim zuständigen Finanzamt wird ebenso eingegangen, wie Umsatz- und Gewinngrenzen für die Kleinunternehmerregelung.

Exkurs: SVA – Pensions-, Kranken- und Unfallversicherung

Das Thema Sozialversicherung war für uns in Deutschland ein stark diskutiertes. Insbesondere als Neugründer stellt die Sozialversicherung dort einen erheblichen Kostenfaktor dar. Vor allem für Familien, die sich dazu entschieden haben, nicht in einer gesetzlich abgesegneten Ehe zu leben, werden hier seitens des deutschen Staates große finanzielle Hürden geschaffen. So liegt z.B. die Mindestbemessungsgrundlage in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland für Selbstständige bei über 2000 EUR im Monat. Dabei ist es für den Krankenkassenbeitrag unerheblich, ob mit der angemeldeten Tätigkeit deutlich weniger verdient wird – eine Korrektur nach unten ist nicht möglich. Dies bedeudet, dass jeder beginnende Kleinunternehmer zu monatlichen Beiträgen zur Krankenversicherung von fast 400 EUR gezwungen wird, während dagegen Höchstbeiträge von ca. 800 EUR für gutverdienende Selbstständige anfallen. Eine Pensions- bzw. Rentenversicherung ist in dieser Abgabe noch nicht inkludiert und muss zusätzlich abgeführt werden. Ebenso ist keine Möglichkeit zur Familienversicherung für nicht verheiratete Paare in Deutschland existent.

Umso mehr überzeugte uns das in Österreich bestehende Sozialversicherungssystem für Selbstständige. Bei der Erstberatung für WKO Einzelunternehmen erläuterte man uns das Beitragssystem zur Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA). Die Vorteile für Neugründer wurden schnell deutlich. Während die Abgabe zur Sozialversicherung in Deutschland noch nicht einmal einen Beitrag zur Pension (Rente) beinhaltet, stellt den Hauptanteil des SVA Beitrages mit 62% die Pensionsversicherung dar. Auch gestaltet sich der monatliche Gesamt-Beitrag zur SVA mit 127,16 EUR (für die ersten 3 Jahre) deutlich niedriger, was v.a. zum Beginn der Selbstständigkeit dem neuen Einzelunternehmer sehr entgegen kommt. Steigt der Verdienst, passt sich die Abgabe zur Sozialversicherung prozentual an. Als zusätzlichen Service hat uns die WKO Steiermark einen speziellen SVA Beratungstermin vor Ort angeboten, wo uns ein kompetenter Mitarbeiter der SVA über die Möglichkeit der Mitversicherung des Partners informierte, obwohl dieser kein Ehepartner ist. Zusätzlich konnten wir sofort alle notwendigen Unterlagen und Details abklären, so dass kein weiterer Schriftverkehr per Brief notwendig wurde. Hier waren wir besonders positiv überrascht, da in Deutschland die Kommunikation mit den dortigen Krankenkassen und Ämtern vor allem durch inkompetente Antworten oder sogar Ignoranz geprägt war.

Über Details zur SVA kann sich der angehende Unternehmer natürlich auch online informieren: Die häufigsten Fragen  – Versicherung und Beitrag.

Fortlaufende Betreuung und digitaler Support

Auch nach der Gewerbeanmeldung bietet die WKO Einzelunternehmen weitere Dienstleistungen an, die in Deutschland leider momentan nicht vorhanden sind. So erhält z.B. der Neugründer nach wenigen Tagen eine Checkliste als Erinnerung mit den wichtigsten To-Dos, die im Rahmen der Unternehmensgründung zu erledigen sind. Dadurch kann verhindert werden, dass Pflichten des Jungunternehmers vernachlässigt werden und dadurch im schlechtesten Fall Strafen anfallen.

Weiterhin werden regelmäßig Informationsveranstaltungen und Messen angeboten, die mittels Newsletter die Unternehmer erreichen. So wird u.a. der EPU Erfolgstag für WKO Einzelunternehmen der Steiermark in Graz organisiert. Hier konnten Selbstständige kostenlos aus einer Vielzahl an Vorträgen zu Themen wie Kommunikation, Finanzen, Verkaufsstrategien und sogar Wirtschaftsastrologie wählen und an diesen teilnehmen. Eine ebenfalls kostenlose und sehr gute und kompetente Kinderbetreuung ermöglichte es auch Eltern ohne private Betreuungsmöglichkeit, dieses Programm in Graz wahrzunehmen.

Wer konkrete Kontakte knüpfen möchte, hat u.a. auf der Geschäftskontaktmesse die Möglichkeit. Hierbei können vorab durch den Unternehmer 3-5 GeschäftspartnerInnen aus einer Liste ausgewählt werden. Für diese werden dann Gespräche à 15 Minuten durch die Regionalstelle organisiert. Für fachspezifische Themen planen die jeweiligen Fachgruppen der WKO Veanstaltungen, welche den Unternehmen zusätzlichen Mehrwert bieten sollen. Die UBIT (Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie) organisiert beispielsweise einen Kongress mit dem Titel “Digitalisierung ist ein anspruchsvoller Weg” bei dem es u.a. um die Vorstellung aktueller Schwerpunkte wertschöpfender Unternehmer geht.

Bereits weiter oben im Artikel wurde der digitale Auftritt der WKO im Internet erwähnt. Insbesondere in Zeiten des digitalen Fortschritts von heute ist es für Unternehmer unerlässlich sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Neben grundlegenden digitalen Themen zu Website, Webshop oder Social Media, bietet die WKO auch Online-Ratgeber an. Jene sollen einem technisch nicht versierten Unternehmer bestimmte Themen näher bringen oder Ihm eine Einschätzung zu einem bestimmten Gebiet mittels Frage-Antwort-Katalog bieten. Die Seite: “Das DIGITAL Servicepaket der WKO” ist Einstieg für die vielschichtigen Informationen und Dienste. Beispiel für einen Online-Ratgeber ist das Thema IT-Security. Der Ratgeber IT-Safe bereitet nach gezielter Beantwortung von Fragen durch den Unternehmer eine Analyse zur IT-Sicherheit auf und gibt Umsetzungsvorschläge zur Verbesserung der IT-Sicherheit im eigenen Unternehmen.

Umlage – Kosten-Nutzen-Verhältnis

Natürlich kann eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wie die WKO auch nur existieren, wenn Sie für Ihre Leistungen ein Entgelt erhebt. Während die Grundumlage WKO-intern die Fachorganisationen finanziert, dienen die Kammerumlagen der Finanzierung der 10 Wirtschaftskammern. Für EPUs fällt im Normalfall nur eine Grundumlage an, die je nach Fachbereich varriieren kann. Diese bewegt sich zwischen ca. 80 – 350 EUR pro Jahr  (Quelle: Grundumlagen Steiermark 2017). Für das vielfältige Angebot, den sehr guten Service – welcher u.a. auch sehr schnelle Antwortzeiten per E-Mail beinhaltet – sind die Kosten für die Umlage als fair zu beurteilen. Die WKO bietet somit viele Inhalte an, die z.B. in Deutschland nur innerhalb zusätzlicher kostenpflichtiger Seminare angeboten werden. Als Kritikpunkt wäre zu erwähnen, dass manche Gewerbetreibende für die Ausübung ihrer Tätigkeit mehreren Gewerben zugeteilt und somit auch mehrfach zur Kasse gebeten werden. Eine Friseurin, die z.B. einen eigenen Friseursalon betreibt und dazu 2 Mal die Woche in Altenheimen die Haare schneidet, wird bzgl. der Grundumlage pro Jahr doppelt belastet, da sie nach Auslegung der WKO zwei unterschiedliche Gewerbeabsichten betreibt. Hier sollte zukünftig bzgl. der Umlage die individuelle Situation und auch das Einkommen genauer betrachtet und berücksichtigt werden.

Fazit

In Deutschland wurde uns Österreich sehr oft als Land der “Hinterwäldler” ohne wirtschaftliche Kompetenz vorgestellt, dabei sollte sich v.a. die dortige Industrie und Handelskammer hier ein Vorbild nehmen. Die WKO beweist durch ihre eigene Professionalität und hohe Service-Orientierung, wie ein gut organisiertes und zukunftsorientiertes Unternehmen auftreten sollte. Sie berät ihre Mitglieder kompetent und unterstützt diese darüber hinaus vielschichtig im Umgang mit ihren Partnern (wie z.B. die Sozialversicherung). Sie versucht insbesondere Kleinunternehmer und EPUs im eigenen Land auf allen Ebenen der Wirtschaft bestmöglich zu unterstützen, wobei digitale Medien genauso genutzt werden wie klassische Möglichkeiten der Organisation von lokalen Veranstaltungen und Messen. Die Kosten der Grundumlage stehen in einem gesunden Verhältnis zu den angebotenen Leistungen. Zusammengefasst lässt sich die Antwort nach der Frage, ob die WKO Einzelunternehmen fördert, aus meiner heutigen Sicht mit “JA” beantworten.

 

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